"Die Schindskuhl" - wie aus der ehemaligen Kiesgrube eine Müllhalde wurde...

Als ALDI vor einigen Jahren seine Verkaufshalle am Hohen Weg abreißen ließ, waren viele Kunden wohl zunächst verblüfft.
Manche Käufer hatten aber bereits länger in der südwestlichen Ecke des Verkaufsraumes eine Absenkung des Fußbodens bemerkt.
Manchem Unkeler wurde nun erst wieder klar, dass die ALDI-Filiale auf einer ehemaligen Kiesgrube stand.
Man hatte bei dem Bau wohl unterschätzt, wie sehr sich die Füllmasse in der Grube auch nach Jahren weiter absenkt. Die Bodenplatte des Neubaus wurde daher durch zahlreiche in den gewachsenen Boden hinabreichende Betonpfähle abgestützt.

Tatsächlich reihten sich am Hohen Weg früher mehrere Kiesgruben aneinander.
Da Unkel seit 1870 an das Eisenbahnnetz angeschlossen war, bot es sich an, hier vor Ort Betonwaren herzustellen, die per Bahn gut transportiert werden konnten.
Notwendige Grundstoffe wie mineralhaltiger Sand und Kies hatte der Rheinstrom in Jahrtausenden abgelegt.
Die älteste Grube am Hohen Weg entstand südlich des Friedhofs der jüdischen Gemeinde.
Eigentümer der Kiesgrube war Ignaz Hartmann (1851 – 1925), verheiratet mit Agnes Dung aus Erpel.
Mit seinen Pferdefuhrwerken bot er sich als Warentransporteur an.
Vor allem hatte er das Privileg als „bahnamtlich bestellter Güterbesteller“.
Welcher der Unkeler Betonwarenfabrikanten den Sand und Kies aus Hartmanns Grube nutzten, ist nicht mehr festzustellen.
Infrage kommen vor allem Paul Schwenzow und Hermann Josef Honnef.


Hartmanns einziger Sohn Andreas übernahm kurz vor dem 1. Weltkrieg den väterlichen Betrieb, fiel aber bereits 1915 als Soldat. Der Vater nahm notgedrungen die
Arbeit als Fuhrunternehmer wieder auf.

Ignaz Hartmanns Tochter Katharina hatte 1911 den Neuwieder Bäcker Hermann
Driesch geheiratet. Als die Bäckerei Hembach am Oberen Markt zum Verkauf stand, kaufte Hartmann die Frankfurter Str. 24 samt Bäckerei für seinen Schwiegersohn und seine Tochter.
Nach dem Tod von Ignaz Hartmann 1925, als dieser mit seinem Fuhrwerk nahe des Schröterkreuzes zwischen Scheuren und Unkel verunglückt war, kam auch die Kiesgrube in das Eigentum von Driesch.
1932 wurde möglicherweise, weil in der Wirtschaftskrise der Abbau nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden konnte, die Grube stillgelegt.
Was geschah nun mit diesem großen Loch ?
Tatsache ist, dass nach den Erzählungen alter Unkeler diese aufgegebene Grube als "Schindskuhl" – hochdeutsch: Abfallgrube – bekannt und in gewisser Weise beliebt war.
Nun hatte man ja damals bei weitem nicht so viel Abfall wie heutzutage. Es gab keine Plastikverpackungen und man bekam auch nicht dauernd Kartons von Amazon.
Im Lebensmittelladen, beim Metzger und Bäcker erhielt man die Ware direkt über die Theke in den Einkaufskorb. Deshalb gab es auch keinen Mülleimer im heutigen Sinne, sondern nur einen eisernen Ascheneimer zur Entsorgung der Reste aus den Zimmeröfen.
Dennoch musste man das Eine oder Andere loswerden. Sehr praktisch war für diese „Notfälle“ ein "Pädchen", das
direkt auf der Rückseite zu der Driesch-Grube hinführte.
Auf der amtlichen Grundkarte von 1957 ist gut zu erkennen, dass dieses "Schindskuhlpfädchen" am Beginn des Hohen Wegs startet.
Zwischen der Mauer des ehemaligen Weinguts Hausen und den langgestreckten Gärten
der Hohen-Weg-Anwohner führt es hinter dem städtischen Friedhof vorbei.
Über das Grundstück der damals noch nicht existierenden Feuerwache gelangte man zur Rückseite der Kiesgrube.
Auch die Graf-Blumenthal-Straße gab es damals ebenso wenig wie die Merowingerstraße.


Bei Dunkelheit war es ein schauriges "Pädchen".
Auch weil man ja etwas Verbotenes tat, fühlte man sich etwas unwohl.
Aber viele nutzten diese einfache Möglichkeit, Überflüssiges loszuwerden.
Ich bekenne, dass ich selbst in den 1960er Jahren einmal mit meiner damaligen Freundin spät abends diese Chance genutzt habe.
Unvergesslich ist, wie es stank, auch weil es wegen hingeschütteter Aschenglut heftig kokelte.
Zwischen 1957 und 1972 nutzte die Stadt Unkel diese Grube durch einen Nutzungsvertrag zur Abladung von Bauschutt, Bodenaushub und sogenannten Siedlungsabfällen.
Nach der endgültigen Auffüllung führte nicht nur die neue Graf-Blumenthal-Straße darüber, sondern es wurden auch die Tennisplätze des TC Unkel und später südlich
davon ein Bolzplatz angelegt.


Heute erobern sich die Brombeerhecken und anderer Wildwuchs das Gelände.

Das Schindskuhlpfädchen knickt heute hinter der 1976 eingeweihten Feuerwache ab und mündet auf die Karolingerstraße.
Hinter den Grundstücken der Merowinger-Anwohner ahnt man noch den ursprünglichen Verlauf dieses wohl ganz früher harmlosen Feldwegs.



