Ferdinand Freiligraths Zeit in Unkel (1839 – 1841)
Romantischer Aufbruch und die große Liebe

Herkunft und Jugend (1810–1831)
Ferdinand Freiligrath wurde 1810 in Detmold als Sohn gebildeter Eltern geboren. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs er in einer ihn stark fördernden häuslichen Umgebung auf. Aus wirtschaftlichen Gründen verließ er mit 15 Jahren das Gymnasium und begann eine Kaufmannslehre in Soest. Obwohl er nie ein begeisterter Kaufmann wurde, nutzte er seine Freizeit zur intensiven literarischen Weiterbildung, vertiefte seine Sprachkenntnisse und verfasste erste romantische Naturgedichte. Nach dem Verlust seines Vaters und Bruders schrieb er im Alter von 19 Jahren das berührende Gedicht „O lieb', so lang du lieben kannst!“. Frühe Förderer wie Karl Immermann zeigten sich von seiner variationsreichen Reimtechnik beeindruckt.
Der literarische Durchbruch und exotische Poesie (1832–1838)
Während seiner darauffolgenden Anstellung in einem Handelskontor im Amsterdamer Hafen fand Freiligrath durch den Anblick von Übersee-Dreimastern und Auswanderern neue Inspiration.
Er flüchtete sich gedanklich in ferne Welten und schuf bildgewaltige, exotische Fantasiegemälde über den Orient, Afrika und Amerika.
Durch die Vermittlung namhafter Literaten wie Adelbert von Chamisso und Gustav Schwab wurde 1835 sein Gedicht „Löwenritt“ im renommierten „Deutschen Musenalmanach“ veröffentlicht, was ihn schlagartig berühmt machte.
1838 erschien seine erste Gedichtsammlung im Cotta-Verlag. Im gebildeten Bürgertum, das nach geistreicher Unterhaltung lechzte, trafen seine unpolitischen Wüsten- und Meeresgedichte exakt den Nerv der Zeit.
Die Ankunft im 800-Seelen-Städtchen Unkel (1839)
Nachdem Ferdinand Freiligrath mit seiner ersten Gedichtsammlung im Jahr 1838 schlagartig im gebildeten Bürgertum bekannt geworden war, suchte er nach einem Rückzugsort. Er wollte seine ungeliebte Arbeit als Kaufmannsgehilfe endgültig hinter sich lassen und ein ruhiges Plätzchen für neue literarische Projekte finden.
Seine Wahl fiel im Spätsommer 1839 auf das beschauliche, rund 800 Einwohner zählende Städtchen Unkel am Rhein.
Freiligrath-Haus (Strolchenburg) in Unkel
Hier mietete er sich in einem stattlichen, leerstehenden Barockgebäude direkt an der Rheinpromenade ein, das dem Kölner Bürgermeister Freiherrn von Monschaw gehörte.
Gemeinsam mit seinem Freund, dem Zeichner Karl Schlickum, bezog er das Haus, das er aufgrund seines treuen Jagdhundes liebevoll „Strolchenburg“ taufte.
Gedenktafel am Freiligrath-Haus
Der unvergleichliche Blick auf den Strom und das Siebengebirge hinterließ tiefen Eindruck. Bei einem Ausflug auf den Drachenfels vollzog sich in ihm ein fundamentaler ästhetischer Wandel: Er wandte sich von seiner bisherigen, exotisierenden Wüsten- und Meerespoesie ab und wurde zum enthusiastischen Rhein- und Heimatdichter.
Das Unkeler Bohème-Leben (1839–1840)
Der Herbst 1839 in Unkel geriet zu einer rauschhaften, geselligen Zeit. Während Schlickum fleißig zeichnete, genoss Freiligrath seine neue Freiheit und zog Scharen von Freunden und Literaten nach Unkel – darunter Levin Schücking, Karl Simrock und Wolfgang Müller. Die fröhliche Bohème feierte ausgiebig in der Unkeler Gaststätte „Löwenburg“ am Markt oder pilgerte zu Simrocks Weingut nach Menzenberg. Die biederen Unkeler Bürger sahen dem Treiben der Intellektuellen oft kopfschüttelnd zu, besonders wenn Freiligrath auf seinem Pferd im Galopp die Pützgasse hinaufjagte.
Die Rettung des Rolandsbogens (1840)
Unkel wurde im Januar 1840 auch zum Ausgangspunkt einer seiner populärsten Taten.
Als Freiligrath bei einer Rückfahrt von Köln schockiert feststellte, dass der nahegelegene Rolandsbogen eingestürzt war, verfasste er in seiner Unkeler Klausur einen leidenschaftlichen Spendenaufruf für die Kölnische Zeitung.
Die Aktion war ein triumphaler Erfolg: Trotz anfänglicher Verstimmung des preußischen Königshauses, in dessen Privatbesitz sich die Ruine befand, kamen durch Freiligraths enorme Popularität weltweit Spenden zusammen.
Bereits im Juli 1840 stand der Bogen wieder.
Ida Melos, 1840
Ida Melos: Persönliches Glück in Unkel
Das einschneidendste Ereignis seiner Unkeler Zeit war jedoch privater Natur.
Ende 1840 traf im Nachbarhaus – beim Obersten von Steinäcker – die 22-jährige Erzieherin Ida Melos ein.
Zwischen dem Dichter und der feinsinnigen, gebildeten Frau entwickelte sich rasch eine tiefe Zuneigung. Ihr heimlicher Treffpunkt war eine kleine Holzbrücke (von ihnen „Seufzerbrücke“ genannt) über einen kaputten Staketenzaun, der die beiden Grundstücke trennte.
Da jedoch beide zu diesem Zeitpunkt anderweitig verlobt waren – Freiligrath stand aus reinem Pflichtgefühl im Wort bei Lina Schwollmann, der zehn Jahre älteren Schwester seiner Stiefmutter –, stürzte die Affäre beide in schwere moralische Konflikte.
Das Gerede in Unkel zwang sie bald dazu, sich fast nur noch Briefe zu schreiben; zeitweise wich Freiligrath sogar in die Unkeler Innenstadt aus. Seine mühsam unterdrückte Leidenschaft und die Verzweiflung dieser Tage verarbeitete er im Juni 1840 in dem Gedicht „Mit Unkraut“ („...schlechtes Kraut und er! Verstoßen und verlassen!“).
Nach Monaten der Ungewissheit siegte die Ehrlichkeit: Ida floh zunächst nach Weimar, sandte ihm von dort im August 1840 das erlösende „Ja“, und im Mai 1841 feierten die beiden ihre Hochzeit.
Der Abschied von Unkel und die Wandlung zum Revolutionsdichter (1841–1848)
Die Zeit in Unkel war für Freiligrath eine Phase des reinen, unpolitischen Kunstschaffens; gesellschaftliche und politische Debatten mied er zu diesem Zeitpunkt noch gezielt.
Nach seiner Hochzeit verließ er das Rheinland, doch die unbeschwerten Tage von Unkel sollten sich nicht wiederholen. Das politische Klima im Deutschen Bund spitzte sich zu. Obwohl ihm der preußische König Friedrich Wilhelm IV. Anfang 1842 eine jährliche Staatspension gewährte, geriet Freiligrath durch die zunehmende staatliche Repression und Zensur in einen unaufhaltsamen inneren Konflikt.
Als kritische Gedichte wie „Trotz alledem!“ verboten wurden und er das Elend der Weber und der hungernden Bevölkerung in der Eifel erkannte, vollzog er den endgültigen Bruch mit der Obrigkeit. Er verzichtete auf die königliche Pension und veröffentlichte 1844 sein radikales „Glaubensbekenntnis“.
Um einer Verhaftung zu entgehen, floh er ins Exil. Aus dem einstigen Unkeler Romantiker war der „Trompeter der Revolution“ geworden, der 1848 an vorderster Front für Freiheit und Demokratie kämpfte und flammende Appelle wie „Die Toten an die Lebenden“ verfasste.
Exil, späte Rückkehr und das Unkeler Erbe
Nach dem Scheitern der Revolution folgten für Freiligrath und seine Frau Ida jahrzehntelange, oft entbehrungsreiche Jahre im Londoner Exil, wo er zeitweise als Bankleiter arbeitete. Erst eine große nationale Spendensammlung im Jahr 1865 ermöglichte der Familie 1868 die Rückkehr nach Deutschland, wobei sich Freiligrath in Stuttgart niederließ, da er geschworen hatte, nie wieder preußischen Boden zu betreten. Er verstarb im Jahr 1876.
Während Freiligraths literarisches Werk im modernen Westdeutschland weitgehend aus den Lehrplänen und dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist, erfuhr er in der DDR eine bewusste Pflege als revolutionärer Vorkämpfer. Wie zeitlos seine Lyrik geblieben ist, zeigte sich im Herbst 1989: Auf den Straßen mitteldeutscher Städte skandierten die Demonstranten gegen das SED-Regime eine Zeile aus Freiligraths Revolutionsgedichten, die bis heute als historischer Slogan verankert ist: „Wir sind das Volk!“.
In Unkel selbst ist die Erinnerung an den Dichter bis heute lebendig.
Das stattliche Barockpalais an der Rheinpromenade, in dem er einst seine unbeschwertesten Monate verbrachte und seine große Liebe fand, trägt bis heute stolz den Namen Freiligrathhaus und steht als steinernes Zeugnis für jene schicksalhafte Unkeler Epoche, die den Grundstein für sein weiteres Leben legte.
Quellenverzeichnis
Primär- und zeitgenössische Quellen
- Das Buch der Unkeler Künstler, Hrsg.: Geschichtsverein Unkel e.V., 2011 Verlag Der Rheinländer
