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Neunundzwanzigster Blog - Juli 2026

Anekdoten von Metzgermeister Odenthal

(Überliefert von seiner Tochter Maria Schenkelberg)


Vor der Schlachtung: Ferdinand Odenthal (rechts) und Lehrjunge
Vor der Schlachtung: Ferdinand Odenthal (rechts) und Lehrjunge

Zwei Anekdoten über den Metzgermeister Ferdinand Odenthal, der einst seine Metzgerei in Scheuren betrieb.

 

Seine Tochter Maria Schenkelberg geb. Odenthal hat die Geschichten überliefert und in früheren Geschichtsboten veröffentlicht.

 

 

 

1. „Ein Ausflug an die Ahr“

    - Kann denn Ahr-Rotwein so gut wie der Unkeler Funkeler sein? 

 

„Mein Vater Ferdinand Odenthal trat als frischgebackener Metzgermeister eine Stelle in Unkel bei der Metzgerei Müller am Unteren Markt an. Er kam aus dem Siegerland, den Wein und die Mentalität der Rheinländer kannte er nur dem Namen nach. Er aß gerne etwas Süßes, und das war auf der neuen Stelle in Unkel für ihn sehr vorteilhaft. Die Bäckergesellen nebenan in der Backstube Hildebrand hatten die gleiche Lust auf frische Fleischwurst. War die Luft rein, die Wurst fertig und die Teilchen gebacken, so spritzte man als Zeichen mit dem Wasserschlauch über die Trennmauer, und im Nu flogen leckere Sachen von einer Seite auf die andere Seite der Mauer und umgekehrt. Damit war mein Vater sehr zufrieden, wäre da nicht der „Muße Wöös“ gewesen, der schräg gegenüber wohnte und allabendlich zum Reinigen der Wurstküche und des Schlachthauses herüberkam. Dass er gerne Unkeler Funkeler trank, war wohl bekannt. Aber nun schwärmte er jeden Abend von dem Ahr-Rotwein, und er wollte doch zu gerne wissen, ob der „Ruude von der Ahr so jod wör, wie der Unkeler“.
Mein Vater war wohl neugierig auf ein Winzerfest an der Ahr. Die beiden verabredeten sich und recht bald ging die Tour mit seinen neuen Motorrad, den „Muße Wöös“ auf dem Sozius, über die Remagener Brücke Richtung Ahr aufs besagte Winzerfest.
Es dauerte nicht lange, da hatten sich die beiden aus den Augen verloren. Der „Wöös“ war unauffindbar bis in die Abendstunden.

In einem Weinkeller war er gelandet und hatte wohl alle Sorten reichlich genossen. Meinem Vater wurde angst und bange. Wie bringe ich ihn auf dem Motorrad wieder heil nach Hause?

Denn es gab ein ungeschriebenes Gesetz: „Wer zusammen geht, der kommt auch wieder zusammen heim.“
Hier war guter Rat teuer. Die einzige Rettung war der Kälberstrick, den früher jeder Metzger bei sich hatte, denn er war für alles zu gebrauchen. Nachdem nun die Dunkelheit eingetreten war und der „Muße Wöös“ aus dem Weinkeller gekrabbelt, hatte mein Vater einen geistreichen Einfall.

Er setzte seinen Kameraden auf den Sozius des Motorrades und band ihn mit dem Kälberstrick mehrfach an sich fest. Und so ging es recht und schlecht Richtung Unkel.

Die beiden schafften es bis auf die Remagener Brücke. Da gab es einen Knall und der „Wöös“ war vom Motorrad gefallen. Weiterfahren ging nicht mehr. Mein Vater schleppte ihn noch bis auf die Erpeler Seite und legte ihn unter die Brücke ins Gras. Dann fuhr er Richtung Unkel zur Familie Muß, berichtete alles und erklärte ihnen, wo sie den „Heimkehrer“ finden könnten.
Die Familie war froh, dass nichts weiter passiert war, und mit den Folgen eines kleinen Rausches wussten die Unkeler schon umzugehen. Man ging in die Scheune, holte die Gummikarre, zündete eine Laterne an und machte sich auf den Weg nach Erpel. Dort wurde der weinselige „Muße Wöös“ auf die Karre geladen und in seinen heißgeliebten Heimatort Unkel gefahren.
So war es anno dazumal. Und ich glaube, hier trifft der Spruch zu:


„Er war an der Ahr,
aber er sah nicht die Ahr,
drum war er nicht so richtig an der Ahr!“

 

2. „Metzger in Scheuren“

    - So war es früher einmal in einem Familienbetrieb  

 

Meistens ging mein Vater sonntagsnachmittags schon auf den Viehhandel nach Bruchhausen.

Oft wurde damit ein Familienspaziergang verbunden. Man wusste, wo ein schlachtreifes Tier stand. Die besuchten Bauernhöfe waren Pertzborn, Schumacher, Telohe, Siebicke oder Fuchs.

Es war selbstverständlich, dass man mit den Frauen Kaffee trank, während die Männer in den Stall gingen, die Tiere begutachteten, das Gewicht schätzten und den Kilopreis (lebend oder geschlachtet) aushandelten. Dann wurde der Kaufvertrag mit einem dreimaligen Metzgerhandschlag im Stall besiegelt.

Das war das „Dokument“ und man musste zu seinem Wort stehen.


Oft gingen mein Vater und ich montagsmorgens vor der Schule ca. 5:30 Uhr durch das „Katzenloch“ nach Bruchhausen, um das gekaufte Tier abzuholen. Mein Vater leitete die Kuh über die Feldwege nach Scheuren.

Meine Aufgabe war es, dahinter zu gehen und dem Tier mit einem dünnen Stock leicht auf die Hacksen zu schlagen, wenn es nicht mehr laufen wollte. Zu Hause angekommen, wurde der Fleischbeschauer Gran aus Unkel zur „Tierbeschau lebend“ bestellt.

Noch am gleichen Tag nachmittags kam Gran mit seinem alten Fahrrad zur „Fleischbeschau geschlachtet“ und zum Stempeln. Jetzt durfte man schon die Innereien verkaufen.
Die Schweine wurden meist per Traktor mit Hänger von den Bauern selbst angeliefert.

Dienstags wurde das frische Fleisch ausgelöst und zurechtgeschnitten. Mittwoch und Donnerstag waren die Wurst- und Räuchertage, an denen manch einer sich schon auf ein frisches warmes Stück Fleischwurst aus dem Kessel freute.
Freitag und Samstag waren die Hauptverkaufstage im Laden, weil die Leute ja noch keinen Kühlschrank hatten. Bekam ein Kunde zum Wochenende Besuch, dann durfte er sich seine Ware auch am Sonntagmorgen frisch abholen.

Am Freitagmorgen wurde die Außenkundschaft per Rad abgefragt, Freitags nach Ladenschluß wurden die Bestellungen fertig gemacht und samstagsmorgens mit dem Geschäftsrad nach Unkel, Heister und Bruchhausen ausgefahren.
Einmal in der Woche kam der Gewürzhändler aus Neuwied, Dienstags der Stangeneislieferant Glück, denn das Eis brauchte man mittwochs zum Kuttern der Wurst.

Alle vier Wochen kam der Häutehändler aus Limburg. Er holte die mit Spezialsalz eingetretenen Großviehhäute ab.

Wöchentlich fuhren wir in eine Sägerei nach Bornheim oder Wadorf, um das passende Sägemehl zum Räuchern abzuholen.

Vier Mal im Jahr kam ein Vertreter für Berufskleidung. Der Veterinärarzt erschien unregelmäßig und überprüfte alles.


Das war der immer wiederkehrende Ablauf.

 

Im Sommer kamen die Frauen in ihren Kittelschürzen kurz vor Mittag aus den Erdbeerfeldern zum Einkauf. Sie kühlten sich an den kalten Ladenplatten ihre heißen, schmerzenden Rücken, machten ein Schwätzchen und überlegten, was sie kochen könnten, denn die Kinder kamen bald hungrig aus der Schule.
Zu Kirmes wurden die Häuser des ganzen Ortes mit Maibäumchen geschmückt, es wurde ein gutes Stück Fleisch gekauft und man bekam ein Kirmeskleid. Drei Tage lang wurde gefeiert. Auf dem Winzerfest im Oktober gab es in den Buden Wurst und Wein. Die Kinder verkauften Leuchtlaternchen für die Jacke und Traubenanstecker. Es wurden Fremdenzimmer vermietet, Strohhüte, Spazierstöcke, Rheinkristallkettchen und Ansichtskarten verkauft. Man konnte sich sogar mit einem weißen Bären fotografieren lassen.

Oft im Sommer, wenn ein Sonderzug wieder abfuhr, wurden die Touristen nachts gegen 1:30 Uhr mit Blasmusik durch den Ort zum Bahnhof gebracht. Das Gasthaus Hagen ließ an solchen Tagen seine drei Schallplatten abwechselnd durch einen Lautsprecher nach draußen tönen. Ich höre sie heute noch: „Oh Heideröslein“, „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“, und „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“.

An solchen Tagen hatten die Ortspolizisten Heinrich Mürl, Herbert Baumgarten und Schneider alle Hände und Gummiknüppel voll zu tun.

Unsere Kundschaft war ehrlich und treu. Wenn die Männer krank oder arbeitslos waren oder man gerade Brand für den Winter gekauft hatte, besaßen die Frauen oft so wenig Geld, dass sie ein Stück Speck für fünfzig Pfennige anschreiben ließen. Aber das wurde die Woche darauf sofort mitbezahlt.
Mittwochs wurden die Milchkannen für die Wurstbrühe gebracht. Oft ließ mein Vater absichtlich eine Wurst platzen, damit auch etwas Fleischgeschmack in die Brühe kam, denn in jedem Haus waren viele Kinder. Selbstverständlich war, dass die Leute ihre kleinen Ziegen, Kaninchen und Hühner zum Schlachten brachten. Im Sommer zeigten sie sich dann mit Gemüse und Obst aus ihrem Garten erkenntlich.

 

Viele Spätheimkehrer, die aus dem Krieg durchzogen, erbettelten sich ein Stück Wurst, weil sie Hunger hatten. Eine von ihnen kam nach vielen Jahren zu meiner Mutter, schenkte ihr eine Schachtel Pralinen, stellte sich vor und bedankte sich: „Mit Ihrer Blutwurst, die ich mir einteilte, bin ich bis nach Hause gekommen.“
Es wurde überall gespart, Geld gab es nirgendwo zu viel. Ich selbst aß gerne Fisch, aber den gab es höchst selten. Wenn ich bettelte, sagte meine Mutter: „Iss Schinken aus dem Laden, der kostet uns nichts.“
So war es damals und trotzdem recht schön in Scheuren. Man hatte, was man brauchte.

Jeder kannte jeden, man wusste, welcher Hund in welches Haus gehörte.

Wir Kinder hatten ein Spielparadies vom Martinsfeuer bis hin zum Rhein, vom „Brösche“ bis zum „Ühleknüützje“.

 

Was konnte uns in unserem Dorf schon Schlimmes passieren?

 

Quellenverzeichnis

Primär- und zeitgenössische Quellen

  • Geschichtsbote 11 & 12, Hrsg.: Geschichtsverein Unkel e.V., 2011 Verlag Der Rheinländer
  • Texte von Maria Schenkelberg, geb. Odenthal